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Tatort: Spessart 1647 (Gelesen: 1343 mal)
MLandgrafRoos


Tatort: Spessart 1647
01.01.2010 um 13:27:07
 
Zitat:
Nach Georg Ossegg
- aufgeschrieben im Original von Hans Traxler -
Tatort: Spessart 1647


Erstaunlich ist das mangelhafte Wissen in der so genannten eigenen Heimat, Deutschland, im Vergleich zum Wissen der fremden Hochkulturen, welche in der Regel zeitlich viel länger zurückliegen. Dies ist sicher gerechtfertigt, dennoch sind auch heimatliche Sagen nicht ganz wertlos.
Georg Ossegg hat bewiesen, dass das ans Licht bringen von deutschem Sagenmaterial lohnender ist, als man allgemein annimmt.
Die Gebrüder Grimm, bekannt als Märchenerzähler, taten sich hervor, indem sie alte Geschichten sammelten, zum Teil ausbauten und diese Geschichten somit in breiten Volkskreisen bekannt wurden. Bislang ging man immer davon aus, dass diese Märchen ein Produkt der Phantasie von Menschen waren. Märchen hatten eigentlich nie den Anspruch, wie Sagen z. B., dass ein Kern Wahrheit in ihnen zu finden sei.
Dieser Anspruch wackelt in der Tat seit langem, seit es Menschen wie Georg Ossegg gibt, die sich mit solchen Märchen befassen. Hierbei wäre auch die Position als Märchenerzähler der Brüder Grimm zu überdenken.

Der Hexenwald

Deutschland im 17. Jahrhundert. Das Land ist von einem dichten Wald bedeckt. Dies ist der Hintergrund der wahren Geschichte, die wir alle von den Brüdern Grimm kennen: „Hänsel und Gretel“. Da man davon ausgehen kann, dass jeder die Märchen-Sagen der Brüder Grimm kennt, ist es wohl nur ab und zu notwendig, an einige Passagen zu erinnern. An Stellen, da dies geboten erscheint.

Die Suche nach dem so genannten Hexenwald war für Ossegg das erste Problem, denn im hessischen Flurenbuch sind z. B. 16 Hexenwälder verzeichnet. Wie viele mochte es in Deutschland geben?
Einst sammelte Ossegg alle Werke der Brüder Grimm. So fand er im Mai 1992 einen Waldweg, der dem arg ähnlich sah, wie auf einem Kupferstich von 1818 abgebildet. Laut Grimm haben die Geschwister, Hänsel und Gretel, diesen Weg benutzt und dies anno 1647.
Dieser Kupferstich ist eine Rarität aus einer einmaligen Auflage. Das Buch ist ein Erbstück von Osseggs Großvater. Die Übereinstimmung des Weges von 1962 war verblüffend ähnlich zur Abbildung von 1818. Im Jahre 1818 lebten die Brüder Grimm noch. Haben sie hier gesucht, wie Ossegg 1962 recherchiert hatte? Fanden sie so diesen Waldweg? Glaubte man den Brüdern Grimm, so musste am Ende des Weges das Haus, das Elternhaus von Hänsel und Gretel, stehen.

Dort, wo es einst stand, ist heute die Autobahn Frankfurt-Würzburg. Es fiel beim Autobahnbau der Spitzhacke zum Opfer, wie auch das bekannte Wirtshaus im Spessart. Das ließ sich durch die Autobahnmeisterei Rohrbrunn belegen. Der letzte Besitzer, Georg Scheidthauer, prozessierte noch gegen die Autobahn, jedoch ohne Erfolg. Man entschädigte ihn mit 18.760,-- DM für ein Fachwerkhaus mit Scheune, Garten und Bäumen. Dies war also das so genannte Elternhaus von Hänsel und Gretel, was bewiesen ist. Es wurde 1954 abgerissen.

Nachdem dieser Fakt feststand, war es die Frage, wo der Rastplatz lag, zu dem die Eltern, angeblich, die Kinder geführt hatten. Nach Grimm lag der im dichten Wald. Wegen der Brandgefahr ist das natürlich blanker Unsinn. Es musste eine Lichtung gewesen sein mit einem Durchmesser von ca. 160 Metern.

Wie sollte man ihn finden? So hielt sich Ossegg an die Vorgabe mit den Kieselsteinen. Ein 8jähriger Junge, die Tasche voll mit Kieselsteinen in Batzengröße (Münzen) legte so eine Spur. Die Entfernung zwischen den Steinen war so gewählt, dass der Junge den vorher gelegten Stein noch sehen konnte. Das Ergebnis blieb aus. Keine Lichtung in der gesuchten Größe. Ossegg probierte es dann selbst. Als der letzte Kiesel lag, war er tatsächlich an einer Lichtung, die infrage kam. Hier stimmte etwas nicht. Osseggs Kieselabstände waren größer. Er konnte den vorher abgelegten Kiesel länger sehen, als der Bub, was leicht zu begründen ist durch dessen Größe. Hänsel und Gretel - waren es wirklich Kinder? Vom Wuchs her auf keinen Fall. Vielleicht noch vom Alter her. Jugendliche... Fast erwachsen.

Eine Untersuchung der Lichtung brachte kein befriedigendes Ergebnis. Natürlich fand man viele Feuerstellen in vielen Schichten. Die Urheber jedoch, wer waren die? Vielleicht Köhler, Landstreicher, Zigeuner, Pfadfinder, Wandervögel oder Landsknechte aus dem 30jährigen Krieg.
So untersuchte Osseg die Bäume in der näheren Umgebung der Lichtung. Grimm: „Die Kinder hörten die Axt des Vaters in der Nähe.“ Eine alte Eiche wurde gefunden. Tief eingewachsen die Reste einer alten Hanfschnur. Darunter eine stark verharzte Wunde im Halbkreis. Man hatte also einen Ast an einen dünnen Baum gebunden und der Wind schlug den Ast an den Baum. Dies ergibt ein ähnliches Geräusch, als wenn jemand mit der Axt im Wald arbeitet.
Diesen Baum zu finden, war in der Tat ein Problem, da jene Verletzung des Baumes jetzt in einer Höhe von ca. 25 Metern lag.
Man untersuchte die Schnurreste mit einem Karbontest. Das Ergebnis war sensationell. Jene Schnur war 315 Jahre alt. 1962 - 315 = 1647.

Ossegg kaufte den Baum, ließ ihn fällen und untersuchen. Man stellte fest, dass der Baum 355 Jahre alt war; zu der Zeit, als die Narbe entstand, also ca. 40 - 50 Jahre alt. Somit war bewiesen, dass Hänsel und Gretel in der Zeit des 30jährigen Krieges gelebt haben. Der 30jährige Krieg, ein religiöser Krieg, begann 1618 und endete 1648.
Waren die Eltern arm, die Not groß, die Lebensmittel knapp? Vielleicht... Man wird sehen...
Eine spätere Aufgrabung des Waldweges brachte in der Tat die Kieselsteine wieder zu Tage.

Wie aber war der zweite Weg - die Sache mit den Brotkrümeln? Auch hier war der Test von Ossegg von Erfolg gekrönt. Nach dem letzten Krumen stand er auf einer anderen, größeren Lichtung.

Grimm: „Von hier irrten Hänsel und Gretel drei Tage und drei Nächte im Wald herum.“ Und: „Sie folgten einem Vogel zu einem Haus aus Brot gebacken und mit Kuchen gedeckt.“

Dem zu folgen ist natürlich nicht möglich. Im Text steht jedoch, dass auf direktem Wege zwischen dem Herrenhaus und dem Elternhaus ein großes Wasser zu überwinden war. Dies wird indirekt an anderer Stelle bestätigt. Als Hänsel gemästet wurde, bekam Gretel nichts als Krebsschalen. Das Wasser konnte als der Fluss, Aschoff, identifiziert werden.

Grimm: „Der Heimweg dauerte nur ein paar Stunden.“

Das Hexenhaus! Wo lag es? Es musste in der Nähe von Wasser sein. Jeder Mensch braucht Wasser. Vielleicht eine Quelle, ein Bach, ein Brunnen. Ein Bild der Dorfeldtschen Bildausgabe zeigt deutlich im Vordergrund die aus Feldsteinen gemauerte Einfassung eines Brunnens, dahinter das Hexenhaus und rechts davon einen grasüberwachsenen Anbau, der wohl die vier Backöfen enthielt, umstanden von hohen Buchen. Am 10. Juli 1962 fand Ossegg, was er suchte. Auch hier ist die Übereinstimmung zum Kupferstich deutlich erkennbar. Nach drei Tagen des Grabens stieß Ossegg in einer Tiefe von 2,20 Meter auf eine Feldsteinmauer, die zu einem Fundament gehörte. Nach einer Woche war das Fundament des Hauses freigelegt. Die Rekonstruktion ergab: Es war ein Bruchsteinfundament, das Mauerwerk war aus Lehm, gestützt von Eichenbalken, nach Art des oberhessischen Fachwerkhauses. Das Haus hatte nur einen Raum und besaß keinen Keller. Es gibt keinen Hinweis auf die Texte, von wegen einer Zuckerguss- oder Lebkuchenverkleidung.

Die jetzt anstehende Frage, wie auch Tatsache, ist: Zwei Erwachsene stoßen auf ein einsames Haus im Wald und töten die Bewohnerin. - Warum?

Eine zweite Grabung sollte Klarheit bringen. An verschiedenen Punkten grub Ossegg Schächte in die Tiefe. Er begann am länglichen, mit Gras bewachsenen Hügel zu graben, wo er die Backöfen vermutete. Am 15. Juli 1962 stieß er in zwei Metern Tiefe auf ein weibliches Skelett. Einen weiteren, wichtigen Fund konnte er an der Ostwand des Hauses sichern. Unmittelbar an der Ostwand des Hauses trieb er einen Stollen nach außen. Nach wenigen Metern stieß er auf eine kleine, eiserne Truhe. In ihr fand er: Mehrere schwärzliche Bruchstücke eines Lebkuchens, ferner Backgeräte verschiedener Art, sowie ein handgeschriebenes Rezept. Trotz hartnäckigen Grabens gab es jedoch keinen Hinweis auf das beschriebene Ställchen, in welchem Hänsel eingesperrt war, als er angeblich gemästet wurde. Dafür fand er jedoch die Türangeln. Während die eine intakt war, zeigte die andere, dass sie aus dem Holz gebrochen wurde. Somit ist klar: Die Tür zu dem Haus wurde mit Gewalt aufgebrochen. Dabei ist diese Türangel abgebrochen.
Fakten: Ein einsames Haus und ein Skelett im Backofen. Der Hinweis in Texten auf ein Kästchen mit Perlen und Edelsteinen konnte nicht belegt werden.

Untersuchungen

Jetzt zieht Ossegg zwei weitere Wissenschaftler hinzu.

Prof. A. Vermeulen vom Anthropologischen Institut der Universität Leyden übernahm die Arbeiten am Skelett. Er konnte einst den Cromagnon-Menschen wiederherstellen, rekonstruieren. Die anderen Grabungsfunde wurden in der Polytechnischen Versuchsanstalt in Erbenheim untersucht in Zusammenarbeit von G. Ossegg mit Dr. Hartlieb-Petschau.

Folgendes konnte Vermeulen herausfinden: Die Frau war bereits tot, als man sie in den Backofen warf. Dort ist sie nur oberflächlich verkohlt, weil der Ofen nur wenig für eine Leichenverbrennung geeignet war. Die Grimmschen Angaben stimmen hier also nicht.
Doch zurück zur so genannten Hexe. Zum Zeitpunkt ihres Todes war sie höchstens 35 Jahre alt, ca. 167 cm groß und hatte eine ebenmäßige Figurhohne jeden Misswuchs.

Wer war sie? Bei den Brüdern Grimm kam sie recht schlecht weg. Das Böse dominiert unübersehbar. Grimm: „Hexen haben rote Augen, können nicht weit sehen, sie können aber gut riechen und haben eine Witterung ähnlich wie z. B. bei Tieren.“
Dies lässt sich natürlich kaum noch feststellen. Ich persönlich halte es für eine kranke Phantasie unserer Zeit und der Zeit der vorhergehenden Jahrhunderte.


Fortsetzung folgt...
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MLandgrafRoos


Re: Tatort: Spessart 1647
Antwort #1 - 01.01.2010 um 13:31:05
 
Fortsetzung:

Zitat:
Wir alle kennen doch die Tatsachen über die angeblichen Hexen. Jedenfalls sollten wir sie kennen. In der Regel waren sie jung und ansehnlich und gerade hier lag auch ihr Verderben.
Der Hexenwahn ist jedoch nicht im 30jährigen Krieg begründet. Er kam aus Spanien im 14. Jahrhundert und dauerte... - viel zu lange. Die letzten Hinrichtungen sind bekannt von 1782 in Glarus und von 1793 in Posen.

Warum aber nun wohnte die angebliche Hexe im tiefen Wald? Alle klassischen Hexen wohnten in geschlossenen Siedlungen, wo man sie auch aufgriff und, da sie auch abgeurteilt wurden. Kein normaler Mensch und keine normale Frau verließ ohne Not die Sicherheit eines Dorfes oder einer Siedlung und begab sich in die Wildnis. Es muss also dafür ein Grund vorgelegen haben. Hatte sie eventuell etwas zu verbergen?

Am 05. September 1962 steht eindeutig fest, dass die Hexe schon vorher getötet wurde. Sie wurde geknebelt und erwürgt. Somit wurde sie nicht, wie es heißt, von Gretel lebend in den Backofen geschoben. Interessant wäre auch die Frage, wie ein kleines Mädchen eine so schlaue, der Zauberei mächtige, Hexe übertölpeln konnte. Notwehr? Handelte Gretel aus Notwehr? Nein!

Hänsel und Gretel hatten sich nicht im Wald verirrt. Sie hatten ein klares Ziel vor Augen. Sie suchten bewusst das Haus der angeblichen Hexe. Aber, was suchten sie dort? Was glaubten sie zu finden? Edelsteine? Etwas Anderes? Jedenfalls brachen sie die Tür auf und würgten und knebelten die Hexe. Wahrscheinlich wurde die Hexe noch gefesselt und mit Schlägen traktiert. Es war Mord!
Die Lebkuchenhausversion ist in den letzten 150 Jahren ersponnen. Nicht mal als Fatahmorgana der angeblich hungernden Kinder ist diese Version glaubhaft.

Wieso waren die Backgeräte so tief vergraben? War es ein Schutz vor Diebstahl? Warum? Gab es eine Warnung für die Hexe, so dass sie bewusst die Sachen vergrub? Lag hier das Geheimnis?

In der Versuchsküche der Untersuchungsanstalt von Erbenheim stellte man nach dem gefundenen Rezept Lebkuchen her. Diese Lebkuchen verglich man mit den gefundenen Resten an Lebkuchen aus der Kiste. Sie waren völlig identisch. Nun folgte die Geschmacksprobe des gut 300 Jahre alten Rezepts. Hierbei handelte es sich in der Tat um Nürnberger Lebkuchen, wie er jedoch nur noch von einigen ansässigen Firmen hergestellt wird. Diese halten jedoch ihre Rezepte geheim. Die besondere Note jedoch ist die Verwendung von Hirschhornsalz. Lag hier ein Motiv für den Mord?

In der Tat, wie sich herausstellte, waren Morde um Rezepte keine Seltenheit. Die zuständige Literatur belegt dies ganz eindeutig. Haben Rivalen, andere Zuckerbäcker, Hänsel und Gretel als Kundschafter auf die Hexe angesetzt? Waren Hänsel und Gretel für dies gut geeignet, da ortskundig?

Die Verunglimpfung durch die Gebrüder Grimm wurde mit der Zeit immer perfekter, wie man sieht. Hänsel und Gretel wurden mit der Zeit immer sympathischer und die Hexe wurde immer fieser dargestellt. So kamen schauerliche Geschichten zustande, wie, es sei eine Angewohnheit, dass sich Hexen gerne von Kinderfleisch ernähren, was natürlich Blödsinn ist. Dass dies Blödsinn ist, ist zum Glück auch belegbar. Die Akten des ehemaligen Reichskriminalarchivs reichen über 300 Jahre zurück und sind hier eine große Hilfe. So gab es in jenen 300 Jahren nur 24 Fälle von Kannibalismus in Deutschland. Hierbei war keine Frau betroffen.

Und an dieser Stelle sollte man mit der Hungerphantasie ebenfalls aufräumen. Zu jener Zeit gab es im Spessart so viel Wild, was nachgewiesen ist, dass die Bauern die Rebhühner mit der Hand fangen konnten. Außerdem gab es Beeren und Pilze in Unmengen. Man musste also die Vergangenheit der so genannten Hexe suchen und finden.

Vergangenheit einer Hexe

Hexenprozesse, ein Gräuel jener Zeit. Ein Richter aus Sachsen rühmte sich, 53 x die Bibel gelesen zu haben. Bei der Gelegenheit ließ er 20.000 Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

Gab es um jene Hexe auch einen Prozess? Wenn ja, wo? Der Hinweis kam aus dem Grimmschen Text: „Knuper, knuper, kneuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?“
Ein typischer Dialekt, der im Harz zu hause ist. Die Gegend von Wernigerode. Ein paar Kilometer entfernt, hieße es schon „gnubber“ und „Gneischen“.
Die Brüder Grimm unterstellten, sie wäre eine Hexe gewesen. Auf Hexerei stand die Todesstrafe. Gab es also Akten über einen solchen Prozess dort?

In den Regalen des Stadtarchivs von Wernigerode wurde Ossegg fündig. Ein alter Pergamentband im Format 18 x 34 cm barg ein Geheimnis. Dieser wurde von Ossegg im September 1962 entdeckt und enthielt die Bücher der Propheten Isaias bis Daniel. Auf die Innenseiten des Bandes waren zwei handschriftlich, eng beschriebene, Seiten geklebt. Diese stammen aus dem Jahre 1597 und der enorm lange Titel lautete: „Wirkliche und akkurateste Beschreibung der Hochnot peinlichen Befragung der Katharina Schraderin, genannt die Backerhexe“. Dazu die Abbildung einer jungen Frau. Der Schreiber anonym. Wahrscheinlich, viel spricht dafür, der verhörende Notar. Anklage: Hexerei, verübt mit Hilfe des Teufelsbackwerks.

Übereinstimmende Fragmente lassen den Verdacht zu, dass hier das Model zum Märchen „Hänsel und Gretel“ ist. Recherchen erfolgten in hessischen Pfarr- und Matrikelämtern, thüringischen Heimatmuseen und Archiven, sowie den Germanischen Museen in Nürnberg.

Das Ergebnis war, dass das Verhör der Wernigeroder Handschrift echt war. Es fand wirklich statt, und zwar in Gelnhausen am 15.07.1647, ein Jahr vor dem Westfälischen Frieden. Die Angeklagte, die angebliche Hexe, ist identisch mit der Bewohnerin des Hauses auf dem Engelsberg, welches Ossegg vor Monaten freigelegt hatte.

Somit ist Katharina Schraderin eindeutig die so genannte Knusperhexe aus dem Grimmschen Märchen.

Das so genannte Hexenprotokoll war in jener Form üblich zu jener Zeit. Man verfasste es in indirekter Rede, was nicht bedeutet, dass es eine wörtliche Niederschrift ist. Dagegen spricht auch das Datum der Entstehung: 1651, also 4 Jahre nach dem Verhör.

Wer war diese „Hexe“? Kirchenbücher, Protokolle und Akten geben Auskunft.

Katharina Schraderin wurde 1618 als 7. Kind eines Köhlers in Wernigerode, im Harz, geboren. Mit 16 Jahren trat sie in den Dienst des Abtes von Quedlinburg. Hier arbeitete sie in der Küche bis 1638, da sie 20 Jahre alt war. In der Folgezeit bot sie Lebkuchen auf Märkten und Messen im Süden Deutschlands an.
Somit kann als gesichert angenommen werden, dass die Erfindung des Lebkuchens in der Abtei von Quedlinburg geschah.
Die Idee zum Lebkuchen kam wahrscheinlich durch einen türkischen Patissier, dessen Wirken am Quedlinburger Hof zu der Zeit urkundlich belegt ist.

Was aber bedeutete dieser Lebkuchen in jener Zeit? Oft glauben die Menschen heute, das 17. Jahrhundert sei die Zeit Lucullus gewesen. Das ist jedoch falsch. Natürlich lebte der Adel, die herrschende Klasse, im besten Futter. - Aber die Masse der Menschen, vor allem die Städter, lebten in der Regel, tagein, tagaus, vom Hirsebrei. Ausnahmen waren so genannte Bauernhochzeiten. Eine Erfindung, wie der Lebkuchen, brachte nicht nur eine bezahlbare Abwechslung. Diese Tat weckte Interesse, aber auch Neid, wie z. B. bei einem Alchemisten. Somit stieg ihre Popularität. Aber auch extrem üble Gestalten, wie man sieht, zieht das an. Als Katharina ihren Stand auf dem Nürnberger Marktplatz, nahe dem „Schönen Brunnen“ hatte, machte sich der herzogliche Hofbäcker, Hans Metzler, an sie heran. Er stellte ihr nach und machte ihr sogar einen Heiratsantrag. Hierbei handelte es sich erwiesener Maßen weniger um Liebe. Er sah nur ihr Lebkuchenrezept, was eine schöne Mitgift war. Hiermit könnte er seine Stellung am Hofe gut ausbauen. Seine Hartnäckigkeit war immens und Katharina floh zurück nach Wernigerode. Als ihr Hans auch dorthin folgte, löste sie ihr dortiges Heim auf und verschwand Anfang 1647 aus Wernigerode. Sie nahm ihr Backgerät mit. Kurz darauf tauchte sie im Spessart auf. Das lange, leer stehende Haus auf dem Engelsberg kaufte sie und ließ es für ihre Zwecke renovieren und umbauen. Sie ließ die vier Backöfen neu errichten. Die folgenden Monate vergingen ruhig und sie brachte laufend neue Varianten des Lebkuchens auf die Märkte.

Hier ihre Produkte:

Gefüllter Honigkuchen
Merseburger Muskatlebzelten
Kandierter Strupkuchen
Gelnhäuser Leckerli

Viel spricht dafür, dass auch folgende beide Produkte von Katharina Schraderin sind:

Spitzkuchen
Dominosteine

Lieferantenrechnungen des Lorscher Klosters belegen, dass die Erzeugnisse der Backerhexe an den Höfen und Abteien zwischen Fulda und Mainz geschätzt und beliebt waren.

Vom Neid zum Mord

Hans Metzler. Nur verschmähter Liebhaber, oder auch voll von Neid gegenüber dem Erfolg von Katharina Schraderin? War es die Gier nach einer Möglichkeit, den eigenen Erfolg auszubauen? Wahrscheinlich kam alles zusammen, als er sie in Gelnhausen als Hexe anzeigte. Wahrscheinlich hoffte er, so an das Rezept zu kommen. Wie Hexenprozesse abgingen, ist ja hinreichend bekannt gewesen.

Und so kam es zum Verhör der Katharina Schraderin. Der Richter war J. Dythfurt. Der Beisitzer war H. Sontheymer und als Zeuge trat Hans Metzler auf. Nach den Protokollen zusammengefasst verlief dies wie folgt:


Fortsetzung folgt...
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MLandgrafRoos


Re: Tatort: Spessart 1647
Antwort #2 - 01.01.2010 um 13:37:10
 
Fortsetzung:

Zitat:
1. Tag
Hans Metzler behauptete, er habe das Pfefferkuchenhaus selbst gesehen und von jedem Kuchen gegessen. Nach dem Genuss des Pfefferkuchens bekam er böse, gotteslästernde Träume. Katharina Schraderin setzte dem wahrheitsgemäß entgegen, dass es gar kein Pfefferkuchenhaus gäbe, dass ihr Haus ein ganz normales (Fachwerk-) Haus sei. Es mit Pfefferkuchen zu verkleiden oder gar daraus zu bauen, sei doch gar nicht durchführbar, da ja jeder wisse, wie oft es gerade im Spessart regnen würde. Wo bliebe da die ganze Pracht?
Der Beisitzer versteifte sich dann auf Kannibalismus, was Katharina Schraderin natürlich auch nicht zugeben konnte. Die Situation änderte sich auch nicht, als man ihr die Folterwerkzeuge zeigte. Noch am Abend kam es wohl zu Folterungen mit der Daumenzwinge. Hierbei wurden die Daumen eingeklemmt und durch einen Schraubmechanismus wurden dann die Daumen eingequetscht. Oft in so übler Weise, dass bleibende Schäden zurückblieben. Die Nacht verbrachte sie dann im Gefängnis.

2. Tag
Die alten Vorwürfe wurden wiederholt. Auch hieß es nun, sie habe Menschen in ihr Haus gelockt und dann gemästet, um sie dann zu essen. So wollte der Beisitzer denn nun wissen, wie denn Menschenfleisch schmeckt und, wie man es zubereitet und würzt. Katharina Schraderin schüttelte sich hierbei vor Ekel. So versuchte das Gericht ihr zu unterstellen, dass sie doch als Hexe auch fliegen könne. Dass auch das Blödsinn war, muss kaum näher erklärt werden. Und da sie nun auch unter der Folter nicht gestanden hatte, ließ man sie am Abend des 2. Tages laufen.

Gelnhausen, im 29. Jahr des großen Krieges

Katharina Schraderin, die angebliche Hexe, wurde freigesprochen, was in jenen Tagen eine Seltenheit war.

Als Hans Metzler sah, dass er es auf diese Weise nicht schaffte, die Schraderin zu beseitigen, ersann er einen teuflischen Plan.

Hans Metzler beschaffte sich das Haus, das 1954 abgerissen wurde. Das angebliche Vaterhaus. Wie ist eigentlich sekundär. Vielleicht kaufte er es. Vielleicht mietete er es auch nur an. Mögliche wäre auch, dass er es nur als Herberge benutzte.
Von hier ging er zum Engelsberg, der einen Tagesmarsch entfernt war. Begleitet wurde er von seiner Schwester, Grete, die er wahrscheinlich als Zeugin für eine spätere Aussage vor einem Gericht mitnahm. Denkbar wäre auch von vornherein eine Komplizenschaft der Geschwister.

Hans Metzler war damals 37 Jahre alt und seine Schwester 34.

Die Wegzeichen legten sie wirklich. Die Kieselsteine. Der Grund ist leicht zu erklären. Dieser Teil des Spessarts war damals ein unwegsames Gehölz ohne jeden Weg. Auch gab es keine Karten oder Markierungen. Der Ast am Baum, nahe der Lichtung hatte denselben Sinn, wie das Feuer. Wilde Tiere sollten so vom Nachtlager abgehalten werden. Somit ist bewiesen, dass Hans und Grete Metzler auf dieser Lichtung genächtigt haben.

Katharina Schraderin hingegen war vor Hans Metzler gewarnt. Der Prozess und das Verhör zeigten ihr an, dass Hans Metzler nicht locker lassen würde. So beschloss sie wohl, das Rezept und ihre Utensilien zu sichern, und vergrub alles am Haus.

Der 2. Gang, wie die Brüder Grimm schreiben, ist ebenso frei erfunden, wie auch die so genannten Eltern von Hänsel und Gretel.

Hans und Grete Metzler fanden das Haus. Sie brachen die Tür auf und gingen auf Katharina Schraderin los. Katharina wurde gefesselt und geknebelt. Wahrscheinlich wurde sie durch das Banditenpaar geschlagen. Ein letzter Versuch an ihr Geheimnis zu kommen. Was man ihr noch antat, ist von der Zeit vergessen. Da man sie aber geknebelt hat, was nachgewiesen ist, darf man vermuten, dass Hans Metzler sich auch noch sexuell an ihr verging. Danach wurde Katharina Schraderin ermordet. Man erwürgte sie. Katharina Schraderin wurde nur 29 Jahre alt.

nach dem Mord schleiften Hans und Grete Metzler die Leiche vom Haus zum Backofen. Auf jenem Weg verlor die Leiche einen Schuh, was die Metzlers in der Hektik wohl nicht bemerkt hatten. Die Reste des Bundschuhs wurden von G. Ossegg zwischen dem Haus und den Öfen gefunden. Nun versuchte das Mörderpaar ihr Opfer im Backofen zu verbrennen. Danach durchwühlten sie das Haus, in der Hoffnung, das Backgeheimnis doch noch zu finden. Sie fanden es aber nicht.

Das Rezept, Grund des Mordes, wurde erst 1962 von G. Ossegg gefunden. 315 Jahre nach dem Mord. Es lag noch unberührt, von Katharina Schraderin vergraben, im Versteck an der Hausmauer.

Unglaublich: Das Verbrechen wurde entdeckt und das Mörderpaar kam vor Gericht. Dennoch kamen beide frei! Dies wurde schon von Zeitgenossen angeprangert.

Im Jahre 1648 taucht Hans Metzler wieder in Nürnberg auf und geht wieder seinem Beruf nach, als wäre nichts geschehen. Er wird 1658 sogar noch Stadtrat. Im Jahre 1660 stirbt er. 13 Jahre nach dem bestialischen Mord an Katharina Schraderin.  [/b]


Zitat:
Auf dem Uboot fühlten sich schon viele ihrer Illusionen in Bezug auf Märchen beraubt und einige konnten interessierte Kollegen mit dieser Geschichte von Hänsel und Gretel finden und wieder andere waren sehr überrascht über diese Darstellung und Hintergründe.

Ich hatte einen duften Kollegen, der von manchen Mitarbeitern für etwas merkwürdig gehalten wurde. Jener gab mir solche Shortstories zum Lesen oder ellenlange und gesammelte Werke über die alten Wickinger, aber auch sein Werk über die alten Ägypter mit an die 1200 Seiten als Anschlußwerk für das Buch "Götter, Gräber und Gelehrte". Viees war in Hieroglyphenschrift verfasst und er machte sich mir gegenüber wohl einen Spaß daraus. Späterer Briefwechsel fand oft ebenfalls in Hieroglyphenschrift statt und eines Tages fragte er, ob mir, jetzt, wo sein Werk in rückübersetzter Form vorliegt und gedruckt wurde, etwas an den Hieroglyphen aufgefallen ist, die oftmals auch in überwiegend unbekannter Form vorgelegen hatten und, die er sich aus dem Ägyptischen Museum vom dortigen Professor
erklärt und abgeholt hatte. Er grinste sich einen zurecht, als ich sagte, die Zeichen heißen und bedeuten in jeder Sprache dasselbe, also Ich bleibt immer Ich und Brief bleibt immer Brief usw. usf. Wir lachten über die wieder entdeckte Weltsprache in Schriftform und diskutierten och eine Weile über eine mögliche Weltsprache für die verbale Ausdrucksform, von wegen Ende mit Babylon... Esperanto war ja schließlich auch nicht der Weisheit letzter Schluß.

Jetzt kam die Diskussion auf, ob die Knotenschrift nicht ähnlich verwendbar wäre. Weiter hierzu.

Auch die Schrift der Königin von Saba kam ins Gespräch. Dazu hier und hier!

Macht es Sinn, weiterhin an einer Weltprache zu arbeiten und dem babylonischen Etwas ein Ende zu bereiten, oder ist die angestrebte Globalisierung auch unter Beibehaltung aller Sprachen im Sinne des Erfinders? Vielleicht auch gerade deshalb? Pro und Contra sollte weiter führen und vielleicht auch den einen oder anderen Sprachwissenschaftler hier zu Äußerungen und zur Darstellung seiner Überlegungen veranlassen.


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Klaus_Metintas


Re: Tatort: Spessart 1647
Antwort #3 - 01.01.2010 um 14:07:09
 
Das ist einer der am besten geschriebenen Berichte und einer der am besten recherchierten Berichte, welche ich in letzter zeit gelesen habe.
Danke
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MLandgrafRoos


Re: Tatort: Spessart 1647
Antwort #4 - 01.01.2010 um 14:44:10
 
Vielen Dank! Ich gebe mir stets Mühe, gute Recherchen zusammen zu tragen und selbst anzustellen und habe diesen Thread im alten Forum eröffnet, jedoch dort keine Resonanz bekommen. Hingegen auf dem Uboot war die Resonanz eher von Erstaunen bis Ausdruck von Enttäuschung. Letzteres darüber, daß sie immer so gerne diese Märchen hörten usw.

Vielleicht überrascht uns ja noch jemand mit einem anderen Märchen, daß mal seines Zaubergewandes entblößt wird...

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« Zuletzt geändert: 01.05.2010 um 22:53:08 von N/V »  
 
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Klaus_Metintas


Re: Tatort: Spessart 1647
Antwort #5 - 01.01.2010 um 15:06:40
 
Bei mir liegt es zum Teil daran das hier stossweise soviel Information ankommt, das ich es nicht mehr bewusst verfolgen kann.
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MLandgrafRoos


Re: Tatort: Spessart 1647
Antwort #6 - 02.01.2010 um 05:27:02
 
Ja, Klaus... Das Problem mit der Fülle von Informationen die oft zeitgleich eingehen, während andere Tage, Gott sei Dank, da etwas mauer sind, kenne ich. Noch dazu, wenn das alles auch noch via mehrerer Möglichkeiten geschieht. Manchmal leidet dann irgendwas darunter, aber ich vergesse nichts völlig.

Das mit dem Chat muß noch warten... Sicher sind demnächst ein paar Übersetzungen dran, die ich bei Bernd anfertigen werde. Da nutze ich dann die Gelegenheit auch dafür.

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AMarks
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Ich liebe die Milanstation!

Beiträge: 227
Re: Tatort: Spessart 1647
Antwort #7 - 20.01.2010 um 13:01:23
 
Michael der Märchenonkel,
ist sehr Lesenswert!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
A.M.
Wolfsburg/Niedersachsen/BRD-Matrix
GottZumGrusse
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